Kritik als Krise muss darauf zielen, die Vermittlung von Sein und Bewusstsein nach besten Kräften zu blockieren und die nahtlose Übersetzung der Gebote des produktiven Apparats in die Zwecke des menschlichens Bewusstseins zu behindern. Kritik als Krise heißt, die Einsicht in die kapitalistische Vergesellschaftung und die materialistische Erklärung der Verhältnisse unmittelbar als die Denunziation des erkennenden Individuums zu organisieren. Die Kritik, angeleitet vom Wissen darum, dass es einmal anders hätte werden können, hat, orientiert an der Erinnerung und dem Eingedenken vergangener Möglichkeit der Emanzipation, ihre geballte Traurigkeit zu wenden gegen die als Subjekte nur fingierten Individuen. Auszugehen ist vom Diktum Theodor W. Adornos, zumeist sei es eine Unverschämtheit, wenn Menschen sich erdreisteten „Ich“ zu sagen. Die Menschen sind zu befragen, ob sie auch im Moment ihrer durch Kritik ermöglichten Distanz vom produktiven Zwangsautomatismus und im Augenblick der Durchsichtigkeit ihrer Subjektivität als sozialer Halluzination bereit sind, negative Vergesellschaftung als ihre gewolltermaßen eigene sich zuzurechnen. Kritik, die zur Krise der falschen und unheimlichen Intimität mit dem entfremdeten Alltag führt und die Zerstörung der Zutraulichkeit zur Verdinglichgung organisiert, vermag, nach dem Modell von Katharsis, einem Blick auf die Chance des Abtuns der Entfremdung durch Revolution die Bahn zu brechen. Nur durch Blockade der Vermittlung, die Einsamkeit und Spielraum schafft, vermag sie den Individuen eine Ahnung materialer Subjektivität zu geben. Es ist daher nicht ihre Aufgabe, ‘konstruktiv’ zu sein.

Initiative Sozialistisches Forum (ISF) - Die Kritik zur Krise radikalisieren

http://www.isf-freiburg.org/verlag/leseproben/isf-ende.sozialismus_lp.html
(Leider handelt es sich hier um eine gekürzte Version des Textes. Die vollständige Fassung ist enthalten in “Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution”.)

Occupy Reason!
[…] Die Bewegung zettelt eine groteske Pseudoaktivität an, und sie macht auch gar keinen Hehl daraus, daß ihrer konformistischen Revolte subversive Reflexionen oder kritische Begriffe nur unnötiger Ballast sind. So weiß Mark Greif, eine ihrer Ikonen, dies zu berichten: “Wir alle spüren die historischen Nachwirkungen von Achtundsechzig”, denn das Erbe der Studentenbewegung sei die Warnung, daß “eine linke Bewegung nicht funktionieren” könne, wenn sie “pragmatisch und verantwortungsvoll” auftritt. Denn zu den Attributen der “68er” hätte auch eine Intransigenz gehört, ein Beharren auf der Wahrheitsfähigkeit des Denkens also, das nur zu Spaltungen führen kann. Bei “Occupy” wird derlei selig über Bord geworfen, und Greif lobt die Weigerung seiner Bewegung, “deutlich zu sein”, denn nur das habe “das Ganze passieren lassen”: “Es war strategisch eine brillante Idee: Leute, die sich sonst zerstritten hätten, kamen wunderbar miteinander aus.” Wo aus der Not eine Tugend gemacht, d.h. aus der Unfähigkeit zu denken der freiwillige Verzicht auf Reflexion gefolgert wird, kommt jedwede Gesellschaftskritik an ihr Ende. […]
— Die ISF zur Occupy-Bewegung.
http://isf-freiburg.org/isf/jourfixe/jf-2012-1_occupy.html (via kayohkayn)

(via xonethousandcriesx)

Demgegenüber ist die Aktualität des Kommunismus paradox. Die Notwendigkeit der Revolution befindet sich im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihrer Möglichkeit. Der kategorische Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, ist zum bloßen Traum einer Sache geworden, die niemand mehr begreifen mag. Die Aktualität der Forderung „Jedem nach seinem Bedürfnis“ – realisierbar nur durch die Aufhebung der Lohnarbeit, durch das Recht auf Faulheit – ist im offiziellen wie alternativen Bewußtsein der Gegenwart nur ein sympathischer Anachronismus. Die bürgerliche Gesellschaft hat den Kommunismus ins Museum gestellt; der Klassenkampf ist beendet, ohne ausgekämpft zu sein, und dieses negative Ende wirkt fort in der unendlichen Geschichte von Menschenbeherrschung und Naturzerstörung. Im blinden Wahn gegen das konkrete Leben wütet die bürgerliche Gesellschaft, die sich ihrer Macht sicher ist. Aber die Aktualität des Kommunismus behauptet sich in der Wahrheit, daß es keine Ermächtigung ist, das Falsche zu tun, nur weil das Richtige nicht, noch nicht gehen mag. Der Kommunismus, daran gehindert, von der theoretischen in die praktische Kritik von Kapital und Staat umzuschlagen und die Waffe der Kritik mit der Kritik der Waffen zu vertauschen, findet seine unfreiwillige Praxis in der Denunziation des Falschen. — Initiative Sozialistisches Forum - Aktualität und Notwendigkeit des Kommunismus
http://www.isf-freiburg.org/verlag/buecher/isf-ende.sozialismus.html